Rund um St. Gallus 3

Für Fußgänger etwas mühsam zu erreichen, doch als Ziel zu emp¬fehlen ist die Kirche Mariahilf in Rieden-Vorkloster (20). Geplant als Kriegergedächtniskirche, hat sie 1924-31 Clemens Holzmeister (1886-1983) in einem Stil errichtet, der als Synthese von Bodensee- Barock und Moderne gedacht war. Ein rechteckiges, von Gemeinde¬bauten eingefaßtes Atrium ist einem riesigen, durch Pfeiler geglieder¬ten Kirchenoval vorgelcgt, vor dem ein in schwingenden Übergän¬gen sich verjüngender fünfgeschossiger Turm aufragt. Die architekto¬nische Verbindung von Versammlungsräumen und Kirche war eine bewußte Geste zur Förderung von Gemeinschaftsbildung in dieser Arbeiterpfarrei.
Entlang der Römerstraße kann man nun zum Stadtzentrum am Leutbühel zurückkehren. Zur Rechten liegt unübersehbar der als ei¬ner der ersten modernen Großbauten von Bregenz 1973-80 von Wilhelm Holzbauer (geb. 1930) errichtete Vorarlberger Landtag (21). Über Sockel ist er breit gelagert, in der Höhe gestaffelt, durch schmale vertikale Glasteilungen gegliedert. Edelbert Köbs poetische Hommage an Angelika Kauffmann von 1981 in weißem Marmor schmückt den Innenhof.
Nimmt man Lochau hinzu, kann man auf etwa 5 km Länge ungehin¬dert durch private Grundstücke das Seeufer spazierend oder radfah¬rend genießen und bei der Pipeline (inzwischen stillgelegt: die Öllei¬tung von Genua nach Ingolstadt entlang des Trinkwasserspeichers Bodensee) ein Bad im See nehmen. Oder man läßt sich auf die un¬nachahmliche Atmosphäre der Mili ein, der als U-förmiger Pfahlbau angelegten ehemaligen Militärschwimmschule (1825). In der entge¬gengesetzten Richtung endet der Weg in einem Naturschutzgebiet mit Auwald und Streuwiesen an der Achmündung. Dazwischen lie¬gen eine Flaniermeile mit Grünanlagen, Casino und Musikpavillon, eine Sportmeilc mit Schwimmbad und Jachthafen und eine Kul-turmeile mit Festspielhaus und Benediktinerabtei Mehrerau.
Am Anfang des Wegs steht eine liebenswerte Kuriosität. Der soge¬nannte Milchpilz am Rande der Anlagen, rot mit weißen Tupfen, ist ein harmloses Relikt der 50er Jahre. Dort bekommt man Milchge¬tränke und Käsesemmeln. Den Verkchrsplanern war er im Weg. Doch Abrißplänen hat sich heftiger Bürgerprotest in den Weg ge¬stellt, und so hat man ihn nur ein wenig verschoben.
Vom weit in den See reichenden Molo (22) aus hat man einen schönen Blick auf das ganze Ufer, den 1850 angelegten Hafen und die Seeanlagen. Mit ihnen versuchte man schon 1880 der Fehlent¬scheidung gegenzusteuern, die Eisenbahn 1872 am Ufer entlang ge¬führt zu haben. Der nahe Fischersteg ist eine anmutige Holzkon¬struktion, es folgen der Gondelhafen und das spitzgiebelige Sport- haus des Vcrkchrsvereins. Dieses halb als Villa, halb als Landhaus wirkende Fachwerkgebäude wurde als Treffpunkt der feinen Gesell¬schaft 1906 von Otto Mallaun errichtet.
Sodann folgt das Festspiel- und Kongreßhaus (23)! Tagsüber kann man dicht an der auf Stahlbetonsäulen im Seegrund veranker¬ten Seebühne (24) Vorbeigehen, ein wenig ernüchtert von der pro¬saischen Realität der Bühnenaufbauten, die man abends im Schein¬werferlicht verzaubert erlebt. Was 1946 im verzweifelten Mut der er¬sten Nachkriegszeit mit der Aufführung von Mozarts >Bastien und Bastienne< auf einer provisorisch auf Kieskähnen errichteten Bühne begonnen wurde, hat sich zu dem Großunternehmen >Bregenzer Festspiele< ausgewachsen. Drei Bühnen mit insgesamt 12 000 Thea¬terplätzen bilden heute das Festspielzentrum. Der gewaltige Beton¬bau von Willibald Braun Jr. (1980) hat 1997 von den Architekten Dietrich und Untertrifaller einen farblich dunkel abgesetzten Erwei¬terungsbau mit Werkstattbühne und einem Foyer mit Glasfront zum See erhalten. Dessen eindrucksvollstes Detail ist eine das Gebäude wie ein Riegel überspannende Stahlfachwerkkonstruktion für Tech¬nik und Zugänge.
Zu Fuß kann man dem Strandweg folgen. Für Besucher mit Auto sei ein Blick auf ein Gebäude an der Mehrerauer Straße Nr. 3-5 emp¬fohlen. 1892 haben hier die Stuttgarter Architekten Wittmann und Stahl die Wirkwarenfabrik Benger (25) in neugotischem Stil errich¬tet. Mit den Architekturzitaten Spitzbogen, Blendbogen, Turm und Erker wurde versucht, dem neuen Bautypus Fabrik das Prestige hi¬storischer Stile zu vermitteln, was hier so gut gelang, daß das Ge¬bäude zeitweise als Rathaus für Bregenz im Gespräch war.

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