Rheindelta und Rheintal

Der Alpenrhein war einst ein Wildfluß, ein schöner launischer Vaga¬bund. Tief hatte ersieh in vorgeschichtlicher Zeit in den Felsengrund eingegraben und sein Bett mit Geschiebematerial aufgefüllt, in dem er sich ständig neu den Weg bahnte. Zwischen seinen mäandrieren- den Armen entstanden Inseln, neben ihnen Tümpel und Gräben, und in dieser Wildnis überlebte eine bunte Tier- und Pflanzenwelt. Angst und Schrecken erregte der Rhein vor allem zur Zeit der Schneeschmelze, wenn seine Wasser gefährlich anschwollen. Jahr¬hunderte dauerte der Kampf der Talbewohner gegen die >Wasser- wut<. Heute ist der >größte Wildbach Europas< gezähmt. Gemeinsam haben die Schweiz und Österreich 1888 mit gewaltigen Regulie¬rungsmaßnahmen begonnen, die sich noch weit ins 20. Jahrhundert erstreckten. Sic haben den Fluß begradigt, ihn dabei ein paar Kilo¬meter kürzer gemacht, und sie haben neues Kulturland erschlossen. Schnurgerade ziehen sich Fluß und Dämme durch das Tal, links und rechts dehnen sich Siedlungen, Industrieanlagen, Verkehrs¬schneisen.

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Doch unregulierte alte Rheinläufe sind noch zwischen Rheineck, Gaissau, Höchst und Fußach erhalten oder neu entstanden. Dieses Rheindelta, das größte Süßwasserdelta Mitteleuropas, ist Vorarl¬bergs wichtigstes Naturschutzgebiet. Erlen und Weiden begleiten die stillen Flußarme, auf den Streuwiesen wachsen Orchideen und an¬dere seltene Pflanzenarten, in den Schilfzonen brüten Haubentau-cher, Reiher und Rohrsänger, hier überwintern Brachvögel, Kormo- rane und manchmal sogar Singschwäne. Das Paradies ist gefährdet. Landwirtschaftliche Intensivnutzung ist hier ebenso riskant wie das Einstellen jeglicher Nutzung, die zur allmählichen Verwaldung führen würde – ein Balanceakt.
In dieser schönen, gefährdeten Landschaft liegt Gaissau. Seine konsequent mit spitzbogigen Elementen gestaltete neugotische Kirche St. Othmar wurde 1870 nach Plänen von Josef von Stadl errichtet. Bunt leuchten im Chor die 1952 von Hubert Berchtold (1922 bis 1983) geschaffenen Glasfenster mit Darstellungen von Salvator und Maria auf der linken, des Sündenfalls auf der rechten Seite. Im Ort sind hier und da zwischen Neubauten einfache Rheintalhäuser von Kleinbau¬ern und Handwerkern zu finden, so in der Rheinstraße. Ein ansehnli¬ches, 1672 datiertes Haus steht auch an der Hofackerstraße (Nr. 5). Über einem Keller, in dem einst ein Webstuhl stand, ist der Wohnteil in Kopfstrickbauweise errichtet, die liscnenartige Verschalung ist bemalt, Klebdächer gliedern den Giebel.
Nur der Rhein trennt das österreichische Höchst vom schweize¬rischen St. Margarethen. Lange war hier wie dort St. Gallen wich-tigster Grundherr. Erst Habsburger Rechte ab 1390 auf der einen Seite, Appenzeller Gebietsgewinne 1474 auf der anderen machten den Fluß zur natürlichen Landesgrenze. Um Höchst wurde noch bis 1612 gestritten, und für den genauen Grenzverlauf zwischen Schweiz und Österreich galt letztlich bis 1850 nichts Genaueres, als »daß eine Feder, die bei stillem Wetter inmitten des Rheins in den Bodensee schwimme, die rechte Mark von Österreichs Lan¬deshoheit stelle« (1567). Fährbetrieb und Fischfang haben die Höchster jahrhundertelang ernährt, und es gibt »etlige Hüser, dia ma mit dem Schmuggla verdienet hat«. Die erste Brücke wurde erst 1870 eröffnet.
Das mit Ausnahme des Zentrums noch ländlich wirkende, locker bebaute Haufendorf entlang der Bundesstraße fällt auf durch die im Verhältnis zur Gemeindegröße gewaltige Pfarrkirche St. Johannes. Sehr hoch und schmal strebt der Turm empor bis zu einer schlanken Zwiebel, ein mächtiges Dach überdeckt das in Chorapsis und Quer¬schiffen sich rund ausweitende Langhaus, dessen geschweifte Fassade mit aufwendigem Portal sich leicht nach außen wölbt: alles sehr ba¬rock, und doch barock >aus zweiter Hand<. Wie so manche andere Ge¬meinde hat sich Höchst zur Zeit seines Umbruchs vom Bauern- zum Industriedorf von einer schlichten Vorgängerkirche aus der Zeit um 1660 getrennt, um von dem Architekten Albert Rimli 1908-10 den größten neubarocken Kirchenbau Vorarlbergs errichten zu lassen. Bei allen Vorbehalten, die man gegenüber modernen Adaptationen von Barock und Rokoko empfinden mag, hier ist ein insgesamt sehr ge¬schlossen wirkendes Ganzes entstanden. Eine flache Stichkappenton¬ne überspannt einen zartfarbig ausgemalten, mit flachen Doppelpila¬stern gegliederten Raum. Ebenfalls zartfarbig sind die Kartuschen mit den Apostel- und Kirchenväterbildem von Otto Haberer-Sinner (1909) ausgemalt, und die großen Langhausbildcr mit Szenen aus dem Leben Jesu, die erst 1983 entstanden (K. Manninger). Und stimmig sind die in den 20er Jahren mit Ornamentik im Stil des Rokoko, je-doch mit eher nazarenisch wirkenden Figuren ausgestatteten Altäre. Solche leisen Stilbrüche im Detail, etwa auch in der Führung des Stucks, machen die historistische Anpassung erträglicher.

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