Rheindelta und Rheintal 3

Ein Kapitel Industriekultur ist ein Stück weiter seewärts rechts der Uferstraße zu entdecken. Eine Baumallee führt auf die repräsentati¬ve neuklassizistische Fassade der Vorarlberger Kammgarnspinnerei zu, errichtet 1896 nach Plänen von Sequin Bonner. Hinter der histo¬risierend mit Rustikaquadern und Gesims dekorierten Front, Aus¬druck gestiegenen sozialen Selbstbcwußtseins der zweiten Unter¬nehmergeneration in Vorarlberg, verbirgt sich eine nüchterne Shed- dachhalle. Der Eingang überdacht mit stark profiliertem Dreiecks- gicbel die Uhr als Signet des Industriezeitalters. Sie nimmt die Stelle ein, die feudale Epochen dem Wappen Vorbehalten hatten. In dem heute von mehreren Firmen genutzten Gebäude ist auch das alterna¬tive Kulturzentrum Kammgarn untergebracht.

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Zum Komplex gehört die jenseits der Grünfläche liegende, fast im ursprünglichen Zustand erhaltene Arbeitersiedlung mit zwei Zeilen zweigeschossiger Mehrfamilienhäuser (1910-25). Durch Holzlager und Nutzgärten sind sie für eine weitgehende Selbstversorgung aus¬gestattet. Etwas abseits von der Siedlung liegen Meisterhäuser und ein Mädchenheim (1910).
Hard ist Heimathafen des 1913 in württembergischen Werkstätten erbauten Schaufelraddampfers Hohentwiel, der seit 1990 als tech¬nisches Denkmal von besonderer Pracht und Eleganz wieder über den See kreuzt, nachdem er 1962 als schwimmender Schrotthaufen bereits verlorengegeben war. Seine Wiederherstellung ist ein grenz¬überschreitendes Projekt gewesen. Heute freut sich jeder über den Anblick und das unverwechselbare >Tuten< dieses von hellen Son¬nensegeln beschatteten Halbsalondampfers, der als Radkastenzier das vergoldete württembergische Wappen trägt. Schon bei seinem Einsatz als Linienschiff 1913 war er »in der damaligen Künstler¬schaft« wegen der Ausstattung und künstlerischen Durchgestaltung eines solchen reinen Zweckschiffs geradezu gefeiert worden.
Schnell ist man von Hard oder Bregenz aus in der Weite der Rheinebene und ebenso rasch in den Dörfern am Hang. Deutlich un-terscheiden sich Landschaftsbilder und Siedlungsstruktur. Rund um Lauterach ist noch ein wenig erkennbar, wie das Rheintal einmal aussah. Hier gibt es das Naturschutzgebiet Lauteracher Ried, hier sind noch Eindrücke einer einst parkartig mit Eichen, Föhren und Birken gegliederten Landschaft zu gewinnen. Mächtige Solitär- eichen sind Überbleibsel einer alten Bewirtschaftungsweise. Sie wa¬ren den Schweinen Futterbäume und Schattenspender zugleich. Fast verschwunden ist die einst allen Rheindörfern gemeinsame Struktur als Hofraumsiedlung: locker gestaffelte einfache Bauten sind darin um Innenhöfe und Freiräume gruppiert, gelegentlich von Hecken umgrenzt und weiträumig von Äckern und Wiesen umgeben.
Spuren einer alten Römerstraße führen über mehrere Kilometer durch das Ried, die einer Nebenstraße bis in die Nähe der Pfarrkir-che. Das seit dem 9. Jahrhundert nachweisbare Dorf Lauterach be¬sitzt Reste eines alten Siedlungskerns mit Rhcintalhäusern im Unter¬dorf. Eine Flechtwerkplatte aus dem 8./9. Jahrhundert von einer Chorschranke der Kirche befindet sich im Vorarlberger Landesmu¬seum. Die heutige Pfarrkirche St. Georg ist ein äußerlich unauffälli¬ger neuromanischer Bau von 1878/79, dessen Saalraum jedoch von einer eindrucksvollen gewaltigen Holzfeldertonne überspannt wird. Von dem aus Feldkirch stammenden Maler Josef Huber (1858-1932), der cs mit seiner religiösen Monumentalmalerei zum Professor an der Münchner Akademie gebracht hat, stammen die Fresken (um 1890) am Chorbogen: eine Maria mit Kind im Seesturm links, Moses’ Zug durch das Rote Meer rechts und vier Kirchenväter an den Wandpilastern im Chor. Der pathetische Stil ist an barocker und mittelalterlicher Kunst orientiert.
Die Ebene des Rheintals unter Aspekten der landschaftlichen Schönheit zu beschreiben, ist weithin nur mit der Fernsicht auf die Berge zu rechtfertigen. Hier ist jeder Teil Resultat von Planung, der Fluß, die kanalisierten Bäche, die parzellierte Fläche, das System von Windschutzstreifen, die Straßen und zerfließenden Siedlungen. Die Orte haben es hier schwer, als gewachsene Ensembles wahrge¬nommen zu werden.
Lustenau, als Siedlung seit dem 9. Jahrhundert nachweisbar, seit 1395 dem Haus Hohenems verbunden und erst seit 1830 dem öster¬reichischen Reichsgebiet integriert, ist eine Streusiedlung mit einem verwirrenden, weitverzweigten Wegenetz inmitten von mit Obstbäu¬men bestandenen Wiesen. Hochstämmige Birnbäume, etwa entlang des Rheindamms, geben eindrucksvolle Silhouetten. Das noch im 19. Jahrhundert arme Bauerndorf ist heute mit etwa 20 000 Einwoh¬nern die größte Marktgemeinde Österreichs und Zentrum der Stickereiindustrie, was aber kaum spürbar ist, weil diese sich in mit¬telgroßen und kleinen Betrieben über den Ort verteilt. Ein nicht sehr großes, aber informatives Stickereimuseum dokumentiert den Hin¬tergrund von Lustenaus Wohlstand.
Was es im Ort zu besichtigen gibt, ist dennoch leicht zu finden. So liegen die ältesten Kulturdenkmäler an der links von der aus Bregenz kommenden Maria-Theresia-Straßc abbiegenden Hofsteigstraße. Die kleine barocke, mit Zwiebeltürmchen bekrönte Loretto-Kapelle wurde 1645 vom Hofammann Hans Hagen gestiftet, der sich mit Fa¬milie auf einem großen Bild von 1660 in der Kapelle hat darstcllen lassen. Hoch- und Seitenaltäre sind um 1760 entstanden. Aus dem 16. Jahrhundert stammt das im Stil eines Rheintalhauses mit Block¬bauweise im Wohnteil errichtete Ammannhaus mit seinen bemalten Klebdächern. Die beiden interessanteren Kirchenbauten liegen seit¬lich der den Ort passierenden Maria-Theresia-Straße. Die Pfarrkir¬che Zum göttlichen Erlöser Willibald Brauns von 1934-35 über¬zeugt bis heute durch eine sehr klare Baugestalt, die durch bald schmale, hohe, dicht gereihte, bald durch breite Rundbogenöffnun¬gen konsequent innen und außen gegliedert ist. Die Kirche der Hei¬ligen Peter und Paul, 1830 von Alois Negrelli entworfen, ist mehr¬fach umgebaut worden. 1206 und ein zweites Mal 1548 wurden ihre einst näher am Fluß gelegenen Vorgängerbauten »vom Rhein von Grund auf weggefressen«. Die Lustenauer wissen also, was es heißt, mit dem Rhein zu leben, und so hat hier ein besonderes Museum sei¬nen richtigen Ort: Empfohlen sei der Besuch der Rhein-Schauen, ei-ner sehr anschaulichen Dokumentation darüber, wie »die Technik uns von den Rheinlandschaften befreit« hat (E. Schmalzigaug 1980). Eine seit über 100 Jahren in Betrieb stehende Dienstbahn verbindet ein Museum, das die Geschichte des Rheintals, seine Hochwasser¬katastrophen, die Kraftwerks- und Brückenbauten zeigt und das, was an natürlichem Lebensraum übrigblieb, mit Werkplätzen und Baustellen der Internationalen Rheinregulierung entlang einer 30 km langen Strecke bis zur Rheinmündung in den Bodensee.

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