Lindau im Bodensee 3

Die Fischergasse ist ein Stadtteil von sehr eigenständigem Charak¬ter. Wenn auch teilweise nach dem Brand 1720 erneuert, zeigt ihre kleinteilige Bebauung noch ganz das Bild eines Wohn- und Gewerbe- quartiers des 15.-16. Jahrhunderts. Hier lebten Fischer und Gerber, die Gerberschanze am See ist ein großartiger Aussichtspunkt. Haus Nr. 3, das Gasthaus Alte Post, war im 17. Jahrhundert Postgebäude. Hier gingen wohl die berühmten reitenden Mailänder Boten ein und aus, die schon im 15. Jahrhundert und bis 1826 wöchentlich Briefe und Eilsendungen über Chur nach Italien beförderten. Eine Hinterlas¬senschaft der 21 Monate währenden österreichischen Herrschaft über Lindau 1803-05 ist die schloßähnliche Max-Kaserne.
Den ältesten Teil der Stadtbefestigung sieht man, wenn man kurz die Gasse in Richtung Seebrücke verläßt. Die bis zu 3,75 m starke Römer- oder Heidenmauer (6) hat mit den Römern nichts zu tun. Sie stammt wohl aus dem 12. Jahrhundert und stand einst unmittel¬bar am Wasser. Heute liegen hier auf Aufschüttungen Stadtpark, Ki¬no und Spielkasino.
Eine lange Mauer am Ende der Fischergasse war Teil der Befesti¬gung, die einst den gesamten Immunitätsbezirk des Damenstifts um¬schloß. Die von der Fischergasse abbiegende Schmiedgasse markiert dessen nördliche Grenze. Und über diese Schmiedgasse kommt man zum Marktplatz, an dem Stift, Stiftskirche und Stadtpfarrkirche dicht beieinander liegen. Hier hat um 800 die Geschichte Lindaus begonnen. Lange war das Stift Inselherrin, Königskloster und wur¬de 1466 sogar gefürstet. Das Klosterleben hatte streng nach Hirsau- cr Regel begonnen, verlief aber viel leichter nach der Annahme der Augustinerregel um 1256. Denn nach dieser Regel waren weder Ar¬mut noch Klausur noch lebenslanges Zölibat vorgeschrieben. Die aus dem Adel stammenden Frauen waren nur zu gemeinsamem Chorgebet verpflichtet und haben meistens geheiratet. Zumal zur Zeit des Barock, als der Konvent neu entstand, muß das Kloster¬leben >eine feine Sache< gewesen sein. Zwar hatte man beträchtli¬che >Eintrittsgebühren< zu zahlen, doch man war versorgt, lebte ge¬sellig und konnte Reisen unternehmen. Lindauer Kulturleben fand vor allem rund um das Stift statt. Dort gab es musikalische Veran¬staltungen, und dort wurden Aufträge an die bedeutendsten Künst¬ler der Region vergeben, an Bagnato, Appiani, Herrmann und Spiegler – ganz im Gegensatz zur protestantischen Stadt, in der man sich mehr um Schulen und Bibliotheken kümmerte. Besser als Wor¬te zeigt das Porträt der jugendlichen Fürstäbtissin Friederike von Bretzenheim die Realität des klösterlichen Lebens. Ordensschärpe und fürstliche Insignien sind nur beiläufige Attribute der weltlich gekleideten, tief dekolletierten Äbtissin.
Von dem 1730 nach einem großen Stadtbrand wiederaufgebau¬ten Stiftsgebäude (7) im Süden des Platzes ist nur ein L-förmiger schlichter barocker Trakt nach einem Entwurf von Christian Wie¬demann (um 1680-1739) geblieben, mit wenig betonten Mittel¬und Eckrisaliten. Heute sind hier Behörden untergebracht. Im drit¬ten Stock hat sich der ehemalige Fest- und Betsaal erhalten mit elegantem Stuck und einem prächtigen, in den lichten Farben des Rokoko gemalten Deckenbild Franz Joseph Spieglers (1736). Man sieht, wie die christliche Tugend auf einem Triumphwagen durch das Himmelsgewölbe fährt. Putten halten die Attribute der Kardi¬naltugenden, die Laster geraten buchstäblich unter die Räder. (Um das Stiftsgebäude besichtigen zu können, muß man sich an das Verkehrsamt wenden).

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Der Baumeister Johann Caspar Bagnato, der Freskomaler Joseph Ignaz Appiani sowie die Maler Franz Georg und Franz Ludwig Herrmann haben 1748-52 die beim Stadtbrand zerstörte Stiftskir¬che Mariä Himmelfahrt (8) neu errichtet und ausgestattet. Der romanische Vorgängerbau aus der Zeit um 1100 wird dem Kon- stanzer Münster ähnlich gewesen sein, ein dreischiffiger Raum mit geradem Chorschluß und einem reich geschmückten Skulpturen¬portal. Seine Umfassungsmauern wurden in den barocken Neubau einbezogen, doch verzichtete Bagnato auf die vorgegebene Drei- schiffigkeit. Er gliederte die Außenwände durch Wandpfeiler und dazwischen liegende Kapellen und verband diese untereinander mittels elegant vorschwingender Emporen. Anders als bei der Wandpfeilerkirche Vorarlberger Baumeister haben die Pfeiler hier mehr optisch gliedernde als konstruktive Funktionen, so daß die Wirkung des Mittelschiffs als einheitlicher Hauptraum verstärkt wird.
Das Deckenbild des den Raum weit überspannenden Muldenge¬wölbes gilt heute vor allem als ein Meisterwerk der Restaurierung. 1922 fiel das barocke Dach mitsamt der mit Malereien Appianis ge¬schmückten Decke einem Brand zum Opfer. 1987 stürzte die erneu¬erte Decke ein und mit ihr die neubarocke vereinfachende Rekon¬struktion der Appiani-Fresken durch Vater und Sohn Waldemar Kolmspcrger. Die heutige Ausmalung (1993) ist also die Rekonstruk¬tion einer Rekonstruktion unter Verwendung im Schutt geretteter Fragmente. Wo Appiani-Malereien erhalten blieben – im Chor mit ei¬ner Krönung Mariens, in den Quertonnen zwischen den Pfeilern mit marianischen Symbolen und allegorischen Figuren sind sie stark überarbeitet und geben nur noch eine schwache Ahnung ihrer ur¬sprünglichen Qualität. Wessobrunner Künstler haben zur weiteren Ausstattung beigetragen: Wohl von Francesco Pozzi stammt der Stuck aus Bandelwerk und Rocaillen, Hans Georg Gigl entwarf den Hochaltaraufbau aus warmtonigem Stuckmarmor, Joseph Wagner (gest. 1764) die Kanzel. Das Blatt des Hochaltars von Franz Georg Herrmann zeigt eine Anbetung der Könige als prächtige figurenrei¬che Nachtszene (1754). Die sehr lebendig wirkenden Altarfiguren der Heiligen Petrus, Paulus, Andreas und Johannes werden Domini¬kus Hermenegild Herberger zugeschrieben.

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