Ausflüge ins grüne Hinterland

Das hügelige Hinterland mit seinen Obstwiesen, Waldstücken, Hop¬fenstangen und verstreuten Höfen ist mit großer Kunst nicht reich gesegnet, doch findet man hier und da schöne alte Bauernhäuser. Zumeist sind es ein- oder zweigeschossige Holzbauten, sogenannte Einhäuser, weil sie Wohnteil, Stall und Tenne unter einem Dach ver¬einen. Es gibt Kirchen zu entdecken, Kapellen und abgelegene Pest¬friedhöfe, die an das Wüten der Seuche 1635 erinnern, als an man¬chen Orten zwei Drittel der Einwohner starben. Und oft ist die Lage einer Kirche, das Ensemble verschiedener Bauten bedeutender als das einzelne Objekt.
Ein solches Ensemble finden wir in Unterreitnau. Die Pfarrkirche St. Urban und Sylvester ist ein kompakter Baukörper mit stämmigem Turm (15. Jahrhundert), dem 1762 eine breite Zwiebel aufgesetzt wur¬de. Die ursprünglich spätgotische, 1690 erweiterte Kirche warein be¬liebter Wallfahrtsort, dessen Gnadenbild, eine kleine Muttergottes aus Terrakotta (um 1420), auf dem linken Seitenaltar steht. Dem zierli¬chen, in Gewandkaskaden gehüllten, geschwungenen Körper ist 1860 ein hölzernes Köpfchen aufgesetzt worden, das entschieden zu schwerfällig ausgefallen ist. Ein großes Mirakelbild von 1694 an der Wand zeigt das bekleidete Gnadenbild umgeben von kleinen Votiv¬szenen, die seine Wunderwirksamkeit bezeugen. Sieht man ab von Hochaltar (1835) und Deckenbild (1900), stammt die übrige Ausstat¬tung mehrheitlich aus der Zeit des Barock. Ein ungewohnt düsteres Bild ist die Darstellung des Johann Franz Schindelin auf der Toten-bahre in der Josephskapelle (1706). Ein Epitaph an der südlichen Außenwand für die Familie Buschler 1585 läßt trotz Beschädigung ho¬he künstlerische Qualität erkennen. Die Darstellung einer Kreuzigung zwischen den in Wolkenkränzen schwebenden Gottvater und Heili¬gen Geist über den Figuren der Maria, des Johannes und der Stifter ist ein Werk Esaias Grubcrs. Der Kirche gegenüber liegen Pfarrhof und Pfarrscheuer, ebenso wie die Kirche vom Kloster Isny errichtet. Das zweigeschossige stattliche Pfarrhaus wurde 1514 gebaut und 1685 er¬neuert, die daneben liegende Scheuer erhielt zur Zeit des Rokoko eine Bemalung mit Blindfenstern und einer großen Muttergottes (erneu¬ert). Kloster Isny hat auch 1556 im benachbarten Bechtersweiler ein Abtshaus als Sommersitz erbaut, dessen beachtlicher Kubus mit tief die Fenster verschüttendem Vollwalmdach sehr malerisch in einem Garten liegt. Neben einem Haus mit dem schönen Namen Tröstein¬samkeit liegt der Unterrcitnauer Pestfriedhof.
St. Pelagius in Oberreitnau, ein mehrfach veränderter, ursprüng¬lich spätgotischer Bau, besitzt in seinem barocken Hochaltar (um 1700) das Bild einer Kreuzabnahme, das von dem Historienmaler Max Bentele stammt (1880). Der 1650 datierte Gasthof Adler gilt als einer der schönsten Fachwerkbauten der Gegend.

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Auf zwei weiteren Ausflügen lassen sich Kunstgenuß und Land¬schaftserlebnis angenehm verbinden. Jenseits des Flüßchens Leiblach beginnt Österreich. An der Leiblach entlang führen anmutige Wander¬wege. Die Gegend ist friedlich und deshalb interessant als grüne Gren¬ze für nicht ganz legale Grenzgänger. Hier liegt, etwa zehn Kilometer nördlich von Lindau, Hergensweiler, ein noch ländlich wirkender Ort mit schönen alten Häusern. Seine Mitte, die vom Friedhof umgebene Pfarrkirche St. Ambrosius, wurde 1712 neu errichtet und bald danach durchaus anspruchsvoll ausgestattet. Die Stuckmarmor-Altäre und die Kanzel in verhaltenen Grautönen gelten als Wessobrunner Arbeiten (Franz Xaver Schmuzer 1712; Abraham Bader 1741?), die Antepen- dien sind mit linearen Scagliola-Einlagen geschmückt. Franz Georg Herrmann wird das Bild einer Rosenkranzspende an die Heiligen Do¬minikus und Katharina von Siena zugeschricben. Lebhaft agierende Apostelfiguren (1. Viertel 18. Jahrhundert) sind auffällig hoch unter¬halb der Decke angebracht. Die Decke wurde 1897 mit einem leuch¬tend farbigen Fresko von Gebhard Fugei ausgemalt. Relieftondi mit den Rosenkranzgeheimnissen (Mitte 17. Jahrhundert), vielleicht unter dem Einfluß der Überlinger Zürn-Werkstatt entstanden, befinden sich an der Empore. Das ehemalige Pfarrhaus dicht neben der Kirche ist seit dem 14. Jahrhundert als Salzfaktorei bezeugt. Der heutige Barock¬bau enthält ein sehr sehenswertes Heimatmuseum mit Bauern¬möbeln, Trachten und Glaskunst und hat einen Sammelschwerpunkt religiöser Volkskultur. Wer sich für Amulette, Breverl, Rosenkränze und Votivgaben interessiert, findet hier anregende Anschauung. Auch Hergensweiler besitzt noch einen ummauerten Pestfriedhof mit einer Antoniuskapelle (1682), die weithin sichtbar unter Bäumen auf einer Hügelkuppe südlich des Orts liegt.
Ein weiterer Ausflug führt ein Stück weit aus Bayern hinaus nach Schloß Achberg. das ganz für sich in grüner Hügellandschaft nahe der Argenschlucht liegt. Seit 1988 gehört es dem Landkreis Ravensburg, der hier Kunstausstellungen zeigt. Der seit etwa 1200 bezeugte Herrschaftssitz hatte einst den Waldburgern, dann den Syrgensteinern gehört, bevor er 1693 vom Deutschen Orden ge¬kauft wurde, der ihn bis 1701 durch Christoph Gessinger, den Bau¬meister des Meersburger und Tettnanger Schlosses, umbauen ließ. Das äußerlich unauffällige Schloß aus dem 16. Jahrhundert ist in¬nen auf drei Etagen mit Stuck verziert, der an Pracht und Motiv¬reichtum weithin ohne Konkurrenz ist. Die meisten Gänge und Räume zeigen symmetrischen Feldcrstuck mit verstreuten floralen und figürlichen Ziermotiven. Doch im Rittersaal im dritten Ge¬schoß bedeckt ein dichtes, mehr als 301 schweres Relief die Decke, in dem um das Ordenskreuz Trophäen, antike Rüstungen, Schilde, Gewehre, Kanonen und Musikinstrumente in fast erdrückender Pracht die Fläche füllen, während vier lebensgroße vollplastische Halbfiguren von den Ecken her mit Waffen in die Saalmitte zielen.
Wahrhaft ein Dekor, der das ritterliche Selbstverständnis des Deut¬schen Ordens zur Zeit der Türkenkriege ausdrückt! Der wenig be¬kannte Künstler Balthasar Krimmer hat noch in Lindenberg und Wolfegg Werke hinterlassen.

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